Nach der Pleite: „Wir wachsen nur noch rein operativ“

o.numrich am 2.Februar 2009 | abgelegt unter news

Jürgen Marx, Probicon

Jürgen Marx, Probicon

Sein erstes Unternehmen ging in die Insolvenz, beim zweiten will Jürgen Marx die Bodenhaftung nicht verlieren und nur und aus eigener Kraft wachsen. Die Business Angels helfen ihm dabei. Oliver Numrich interviewte den Unternehmer für Contact, den Newsletter der Business Angels.

Contact: Herr Marx, wie läuft es mit ihrem zweiten Startup?
Unser Übersetzungsdienst läuft mittlerweile ganz gut, wir können unseren Service ausweiten. Allerdings verlassen wir uns nicht nur auf das eine Standbein, sondern bieten parallel auch Unternehmensberatung an. Damit konnten wir uns zu Beginn gut über Wasser halten und waren unabhängig von Geldgebern als das Geschäft anlief. Das war uns sehr wichtig.

Contact: Warum ist Ihr erster Versuch gescheitert, einen innovativen Übersetzungsdienst aufzubauen?
Es war nicht der richtige Zeitpunkt. Mitte 2001 ist die Blase geplatzt, der IT-Boom zusammengebrochen. Danach war der Markt rückläufig. Alle Marktteilnehmer waren vorsichtig geworden und es war schwer, sich zu entwickeln. Wenn der Markt rückgängig ist können Sie keine Marktanteile übernehmen, können nicht Fuß fassen. Unser damaliger Ansatz, ein schnelles Wachstum hinzulegen, halte ich heute für schwierig. Wir meldeten Insolvenz an, gründeten eine Auffanggesellschaft und starteten neu durch. Aus der Auffanggesellschaft, ist dann Probicon gestiegen wie Phönix aus der Asche.

Contact: Was machen Sie heute anders?
Wir wachsen rein operativ. Operatives Wachstum heißt: Zusätzliches Wachstum ohne zusätzliche Geldzuflüsse. Ich finde es heute persönlich viel angenehmer und auch sinnvoller, eine Firma mit operativem Wachstum aufzubauen. Das ist nachhaltiger und man kann die Qualität besser gewährleisten. Beim schnellen Wachstum müssen viele Sachen stimmen: Der Markt, das Produkt, die Partner und dadurch steigt das Risiko. 2001 gab es überall Risikokapital. Es war die Zeit, in der alle Unternehmen nach diesem Geschäftsmodell agierten und alle Geldgeber und Investoren gingen in diese Richtung. Das war wie eine Mode: Alle machten das so.

Contact: Was ist denn heute in Mode bei jungen Berliner Unternehmen?
Heute haben junge Unternehmen eine gute Basis. Man überlegt genau, was man da aufsetzt. In der Regel ist man auch besser vernetzt mit anderen Unternehmen.

Contact: Welche Rolle haben die Business Angels Berlin-Brandenburg bei Gründung beziehungsweise Neugründung gespielt?
Die Insolvenz konnte der unser Business Angel Axel Gropp auch nicht abwenden. Er hat uns geholfen und war ein wunderbarer Sparringspartner, mit dem man gut sprechen konnte, weil er langjährige Erfahrung hatte. Aber retten konnte er uns nicht, denn unsere Wachstumsstrategie und der Zeitpunkt waren einfach falsch.  In der zweiten Phase war er von Anfang an als Berater dabei. Von ihm bekommen wir immer eine ehrliche und kritische Antwort. Er hat uns Kunden vermittelt, und über ihn haben wir auch Horst Pascharski kennengelernt, der uns erst bei der Vermarktung geholfen hat und jetzt zum Leitungsteam von probicon gehört. Herr GRop hat uns sehr gute Kontakte vermittelt. Vieles wäre ohne seine Erfahrung nicht möglich gewesen oder wir hätten teuere Berater bezahlen müssen. Die kann man sich gerade am Anfang gar nicht leisten.

Contact: Was ist das Besondere an Ihrem Übersetzungsdienst?
Wir vermakeln Übersetzungen in Dutzende verschiedener Sprachen zum Festpreis. Mithilfe einer Datenbank stellen wir gleich bleibende Qualität und damit die Zufriedenheit unserer Kunden sicher. Zugleich sind wir Serviceleister für freiberufliche Übersetzer, denn wir beschaffen ihnen Aufträge und übernehmen für sie die komplette Abrechnung. Übersetzer sind Künstler, die wollen nicht in von neun bis fünf Büros sitzen und über Honorare verhandeln.Zurzeit arbeiten rund 180 freiberufliche Übersetzer für uns, alles Muttersprachler. Viele leben in Berlin, aber auch in Paris, Sydney oder Kapstadt. Ein Übersetzer macht gerade eine Weltreise über Hongkong, ins australisches Outback und nach New York und wir versorgen ihn die ganze Zeit per E-Mail mit Übersetzungsjobs.

With a little help…
2001 gründeten die Wirtschaftsingenieure Jürgen Marx und Florian Massinger das Übersetzungsbüro Probicon. Das Büro bietet Übersetzungen in 20 europäische und asiatische Sprachen an. Größtenteils werden Verträge, Urkunden oder Patentschriften übersetzt. Vor Probicon hatten Marx und Massinger bereits ein anderes Übersetzungsbüro in Potsdam initiiert, welches jedoch in der Dotcom-Krise in die Insolvenz rutschte. Die Probicon-Gründung  wird begleitet von den Business Angels Berlin-Brandenburg, einem Verein von erfahrenen Managern und Geschäftsleuten, die den neuen Unternehmen ehrenamtlich beratend zur Seite stehen. Zudem beteiligt sich der seit 2004 bestehende Verein als Kapitalgeber an Erfolg versprechenden Gründungen.

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