US-Business-Angel Cameron: „Deutschlands Wirtschaft ist Kraftwerk Europas“

o.numrich am 28.Februar 2009 | abgelegt unter news, presse
Charles Cameron, HUB Angels

Charles Cameron

Charles Cameron ist Senior Vizepräsident einer auf Life Science spezialisierten Anwaltskanzlei in Boston. 2000 war er Mitgründer der Business Angels im Großraum Boston, Massachusetts, der HUB Angels. Cameron lebte und arbeitete bereits in 22 Ländern der Erde, von 1988 bis 1993 in der Schweiz. Oliver Numrich sprach für Contact, den Newsletter des Business Angels Clubs Berlin-Brandenburg, mit dem erfolgreichen Manager.

Contact: Herr Cameron, wie sind die HUB Angels organisiert?
Charles Cameron: Viele Business Angels in den USA beteiligen sich direkt an Start-ups – sie sind nicht Teil eines Clubs, sondern machen individuelle Investments. Man muss sich das einmal klar machen: In den USA gibt es etwa 300 Business Angels Clubs. 2007 haben diese Business Angels rund 35 Milliarden Dollar in junge Unternehmen gesteckt – das ist genau so viel wie Venture Capital Unternehmen im selben Zeitraum investiert haben. In der Region Boston gibt es 20 Business Angels Gruppen, die untereinander kooperieren und innerhalb kürzester Zeit bis zu fünf Millionen Dollar aufbringen können.

Die HUB Angels sind wie eine Venture Capital Gruppe organisiert. Wir unterhalten gemeinsame Fonds und eine Rahmenstruktur. Dafür erhalten die Beteiligten jährliche Ausschüttungen. Unsere Mitglieder sind sehr erfolgreiche Geschäftsmänner aus der ganzen Welt: aus Mexico, Belgien, Japan. Sie leben nicht unbedingt in Boston, sind aber immer mal wieder in der Stadt.

Contact: Über was für ein Volumen sprechen wir?
Charles Cameron: Letztes Jahr haben wir bereits den dritten Fonds mit einem Volumen von rund vier Millionen Dollar aufgelegt und somit insgesamt zwölf Millionen Dollar in 20 Start-ups investiert. Dazu gucke ich mir monatlich die Business Pläne von 30 bis 40 Unternehmen an. Von denen bleiben drei übrig, die bei uns präsentieren. Bei zwei Unternehmen haben wir erfolgreiche Exists durchgeführt, zwei sind pleite gegangen. Das ist ein guter Schnitt, denn normalerweise sagt man bei Venture Capital, dass sich von zehn Beteiligungen nur zwei sehr gut entwickeln, zwei weitere gehen pleite und sechs sind „lebende Tote“, die nicht wachsen, aber auch nicht eingehen, die sich gerade noch aufrecht halten können.

Contact: Was sind das für Firmen, an denen sich Ihre Fonds beteiligen?
Charles Cameron: Wir investieren vorrangig in technologie-orientierte Unternehmen in der Frühphase ihres Wachstums. Es sind aber auch Unternehmen aus anderen Branchen darunter. Eine der Firmen, in die wir investiert haben, heißt Zipcar, ein Carsharing-Unternehmen. Sie wurde von einer deutschen Auswanderin hier in Boston gegründet, die die Idee aus Europa mitbrachte. Zipcar setzt inzwischen 50 bis 60 Millionen Dollar jährlich um. Auch ich habe mein Auto verkauft und nutze jetzt diesen Dienst, wenn ich ein Auto benötige. Es ist sehr praktisch und umweltfreundlich.

Contact: Wie stehen Sie mit den Unternehmen Ihrer Fonds in Verbindung?
Charles Cameron: Jedem unternehmen, an dem wir Anteile halten, ist ein Angel zugeordnet, der Kontakt hält und berät. Er informiert die anderen Investoren über besondere Bedürfnisse oder Entwicklungen. Jedes Quartal erhalten wir Berichte von den Firmen, an denen wir Anteile haben mit Umsatz, Erlös, Mitarbeiterzahl, Break Even, burn rate (monatliche Fixkosten), Vorschau, Rücklagen und so weiter.

Contact: Was sind nach Ihrer Einschätzung für Gründer die Geschäftsfelder der Zukunft?
Charles Cameron: Der ganze Gesundheitsmarkt ist riesig, ein wichtiges Feld: Telemedizin, Gesundheitsmonitoring, Hauskrankenpflege – all das wird weiter wachsen. Denken Sie daran, dass die Menschen immer älter werden und bereit sind, für eine sichere und komfortable Gesundheitsversorgung viel Geld auszugeben. Außerdem ist CleanTech ein großes Thema. Momentan wird da sehr viel Geld reingepumpt. Dabei geht es um nachhaltige Energieformen, um sauberes Wasser, Steuerungssoftware für umweltfreundliche Verfahren und vieles mehr.

Contact: Wie beurteilen Sie die derzeitige wirtschaftliche Lage in Deutschland?
Charles Cameron: Deutschland ist das Kraftwerk von Europa. Gerade für Private Equity und Venture Kapital ist Deutschland die nächsten zehn Jahre ein interessanter Markt, denn viele Unternehmen, die hier nach dem zweiten Weltkrieg groß geworden sind, werden jetzt vererbt.

Contact: Und die drohende Rezession…?
Charles Cameron: Diese Krise ist zeitlich befristet auf die nächsten fünf bis zehn Jahre. Aber in Deutschland gibt es stabile Industrien, viele gut ausgebildete Mitarbeiter und die Nähe zu neuen Märkten und Niedriglohngebieten. Für uns zeichnen sich deutsche Produkte nach wie vor durch ihre hohe Qualität aus. Außerdem ist Deutschland Teil der grenzenlos gewordenen EU, was viele Vorteile bringt. Die Schweiz etwa ist das nicht und man merkt es: Alles geht dort viel langsamer voran.

Contact: Was sind in Ihren Augen die Vorzüge Berlins als Wirtschaftstandort?
Charles Cameron: Ich persönlich liebe Berlin. Es ist eine der lebenswertesten Städte mit niedrigen Preisen, exzellentem öffentlichen Nahverkehr und wirklich wunderschön. Als Wirtschaftsstandort eignet sich Berlin vor allem im Bereich der Hightech-Industrien wie Bio- oder Medizintechnologie, da sich hier sehr gut ausgebildete Mitarbeiter finden.

Contact: Wie könnten der Business Angels Club Berlin-Brandenburg mit den HUB-Angels zusammen arbeiten?
Charles Cameron: Es gibt viele Möglichkeiten der Zusammenarbeit. So könnten wir Businesspläne von Start-ups, die sich bei uns bewerben, austauschen und kommentieren. Viele Geschäftsideen, die für uns neu sind, gibt es schon in Europa und umgekehrt. Auch gemeinsame Präsentationen kann ich mir gut vorstellen – ich selbst bin immer wieder geschäftlich in der Region Berlin-Brandenburg unterwegs. Und schließlich unterstützen wir deutsche Unternehmen dabei, auf dem amerikanischen Markt Fuß zu fassen. Selbstverständlich auch gerne Start-ups der Business Angels.

Contact: Noch eine persönliche Frage: Wie schaffen Sie es, zwei so zeitintensive Jobs zu erledigen?
Charles Cameron: Ich stehe einfach jeden morgen um 5 Uhr auf, mache ein bis zwei Stunden Sport im Fitnessstudio, das sich praktischerweise direkt im Erdgeschoss meiner Kanzlei befindet, und verlasse das Büro erst wieder gegen 20 Uhr. Übrigens sieben Tage die Woche. Meine Freizeit kommt dabei leider deutlich zu kurz. Zum Glück sind die Treffen der Business Angels immer sehr entspannt. Wir besuchen gemeinsam Unternehmen in der Region und es ist immer Zeit für persönliche Gespräche.

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