Hardy Schmitz: Berlin braucht mehr Impulse als Adlershof allein
Technologieparkentwickler und Business Angel Hardy Schmitz spricht mit “Angels Contact” über Adlershof und den „Campus Charlottenburg“.
Contact: Herr Schmitz, spüren Sie in Adlershof die Auswirkungen der Wirtschaftskrise?
Derzeit haben wir wenig Probleme, denn Adlershof wächst jedes Jahr um fünf bis acht Prozent und bekommt auch 2009 viele positive Impulse. Das funktioniert nur, weil wir eine bekannte Adresse sind, mit einer hervorragenden Gründerumgebung und einem klaren Fokus für unsere Märkte. Wir bieten Investoren einen großen Pool wissenschaftlicher Talente aus universitären und außeruniversitären Instituten. Die Investitionen in Hardware wie Straßen und Gebäude und Software, also die wissenschaftlichen und industriellen Netzwerke, zahlen sich aus und haben nach wie vor eine große Anziehungskraft auf Investoren. Aber natürlich kann uns die Wirtschaftskrise noch die eine oder andere Havarie bescheren.
Contact: Ihr neuestes Entwicklungsprojekt heißt „Campus Charlottenburg“. Machen Sie sich damit nicht selbst Konkurrenz?
Die Frage wird mir immer wieder gestellt, aber das ist überhaupt nicht der Fall, denn Berlin braucht deutlich mehr Wachstumsimpulse, als Adlershof allein bieten kann. Adlershof kann dem Berliner Bruttoinlandsprodukt vielleicht drei Prozent hinzufügen. Aber Berlin ist gegenüber anderen deutschen Großstädten wie Hamburg oder München 30 Prozent im Rückstand. Deshalb können wir noch viele weitere Wachstumskerne um die Wissenschaft gebrauchen.
Contact: Was wird der USP des „Campus’ Charlottenburg”?
Das Hauptasset des „Campus’ Charlottenburg“ wird Informationstechnik, Kommunikationstechnologie und Engineering-Umfeld in der Verbindung mit den Gestaltungskompetenzen der Universität der Künste sein. Das Ganze ist kein klassisches Infrastrukturprojekt, sondern eher ein Stadtteilveränderungsprojekt, bei dem wir den Standort profilieren und seine Stärken hervorbringen wollen. Wir haben in Charlottenburg das Phänomen, dass im Umfeld von zwei Unis, vier Fraunhofer Instituten und der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt keine kleinteiligen, flexibel anzumietenden Gewerberäume vorhanden sind – obwohl sehr viel freier Platz vorhanden ist. Und das mitten in der Stadt. Da sowohl die Technische Universität als auch die Universität der Künste ein reger Quell von Unternehmensgründungen sind, untersuchen wir derzeit, wie man die wirtschaftliche Aktivität anregen kann, zum Beispiel durch den Aufbau eines ortsnahen Gründerzentrums und von flexiblen Flächen für Kooperationspartner. Denn in Clustern lässt es sich leichter gründen, das ist statistisch nachgewiesen. Die Entwicklung in Adlershof zeigt, dass das Wachstum in Berlin sehr stark von Gründern und jungen Unternehmen mitgetragen wird.
Contact: Wie weit ist der „Campus Charlottenburg” zurzeit?
Wir haben sechs Monate für die Evaluationsphase eingeplant und 18 Monate für die Umsetzung. Wir sind jetzt im fünften Monat schwanger mit dem Projekt, am 10. Juni ist die nächste Lenkungsausschusssitzung und danach geht es richtig los. Wie können sich Business Angels in den Campus einbringen? Unser Ziel ist es, mit dem „Campus Charlottenburg“ ein Gründungs- oder Kooperationszentrum zu schaffen. Denn insbesondere die TU kooperiert bereits mit einer Menge kleiner und großer Firmen, die in der Nähe angesiedelt sind und sich fast wie Gründungen verhalten und ausdehnen. Und die Business Angels als Residents auf dem Campus zu haben – das wäre traumhaft!
Contact: Sie selbst sind Mitglied im Business Angels Club Berlin-Brandenburg. Wie stark ist der Club denn bereits in Adlershof eingebunden?
Die Business Angels bringen sich vereinzelt in Adlershof ein, da müsste eigentlich noch mehr passieren. Ich glaube, dass die hier ansässigen technisch orientierten Start-ups ganz spezielle Märkte bedienen und da braucht man viel Glück, um einen
fachkundigen Berater zu finden, der die Geschäftsidee versteht und sich engagieren will. Ich selbst habe in ein Unternehmen in Adlershof investiert, das Technologie im touristischen Bereich anbietet. Das ist unmittelbar einleuchtend, das kann auch ich irgendwie verstehen. Aber oft haben wir hier Nischenprodukte und da ist es schwer, bei den generalistisch arbeitenden Business Angels Begeisterung zu wecken.
Contact: Wie könnte die Zusammenarbeit in Zukunft intensiver werden?
Natürlich kenne ich kein Patentrezept. Man muss einerseits die richtigen Business Angels finden, die naturwissenschaftliches Verständnis mitbringen. Und andererseits sollte man versuchen, noch mehr Leute, die hier im WISTA verankert sind, als Mitglieder zu gewinnen. Was mir sehr am Herzen liegt, ist, dass die Business Angels selbst einen Weg finden, wie sie aus ihrer vergleichsweisen
Unsichtbarkeit herauskommen und aktiv mit den Unternehmern auftreten, die sie coachen. Wir sollten im Business Angels Club Menschen zusammenfassen, die vor allem auch mal mitinvestieren und Unternehmertum weitergeben können.
Contact: Sie engagieren sich auch in der Initiative „Organizing Schöneweide“. Was macht die?
Ich bin dafür, dass Berlin sich intensiv um die Wirtschaft in den Ecken kümmern muss. Adlershof rückt jetzt mit Autobahn und Flughafen deutlich mehr ins Zentrum des Interesses und genießt das. Aber Berlin bräuchte mindestens fünf Orte gebündelter Anstrengung, an denen es Wachstumsimpulse setzt. Wo haben wir der Welt tatsächlich etwas zu bieten? Wo können wir einen
sichtbaren, leuchtenden Cluster aufbauen? Schöneweide eignet sich dazu, denn die Initiative hat gute Vorarbeit geleistet und für Vernetzung gesorgt. Ich bin dabei, weil ich ja durchaus ein paar Aufbauerfahrungen gemacht habe. Das ist, wenn Sie so wollen, Nachbarschaftshilfe. Außerdem macht es mir einfach Spaß.

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