Die Innovationsmaschine

b.monitor am 10.Juni 2009 | abgelegt unter Allgemein, slider

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Innovation und Entrepreneurship sind längst als sicherer Treiber für wirtschaftliches Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit identifiziert. Es gibt kaum eine Universität, die nicht versucht, aus vergnügungssüchtigen Studenten weitsichtige und innovative Unternehmer zu machen – heute geht ohne Lehrstuhl für Entrepreneurship nichts mehr.
Jedes größere Industrieunternehmen verfügt über kilogrammschwere Innovationshandbücher, Forschungseinrichtungen suchen nach dem Entrepreneur-Gen im Menschen. Der Bund gibt in Deutschland alleine für das Zentrale Innovationsprogramm Mittelstand „ZIM“ 450 Millionen Euro aus.

Grundlage all dieser Aktivitäten ist die Idee, Innovationsprozesse systematisieren zu können. Da werden Studien erstellt, tausende Manager befragt und die

Ergebnisse in Programme und Strategien umgeformt, in der Hoffnung, dass Fließbandinnovationen entstehen oder man zumindest Faktoren isolieren kann, die Innovation befördern. Aber wird so Innovation gefördert? Oder wird sie nicht eher behindert?

Woher kamen denn die bahnbrechenden Innovationen der letzten Jahre? Da werkelte zum Beispiel ein Braumeister über Jahre im Badezimmer der Familienwohnung, setzte den Familienfrieden aufs Spiel und braute etwas zusammen. Das Ergebnis: Das erste gebraute alkoholfreie Erfrischungsgetränk. Man suchte Lizenznehmer – vergeblich. Also ging man notgedrungen in den Eigenvertrieb. Für den Erfolg war dann mitverantwortlich, dass ein Spediteur versehentlich für Ungarn bestimmte Flaschen mit ungarischem Etikett in Hamburg ablieferte (also ein FEHLER!). Plötzlich hatte die Hamburger Szene ein neues Kultgetränk, der Beginn des Bionade-Siegeszuges durch Deutschland.

1995 begegneten sich die beiden Informatik-Studenten Larry Page und Sergey Brin an der Stanford- University. Sie entwickelten einen neuen Algorithmus, mit dem sich das gerade entstehende WorldWideWeb effizient durchsuchen ließ.

Auch sie versuchten die Technologie zu lizenzieren – aber keiner war an den Ergebnissen ihrer Arbeit interessiert. So waren auch sie gezwungen, selbst ein Unternehmen zu gründen: Google.

2003 gründeten der Informatiker Niklas Zennström und der Schulabbrecher Janus Friis ein Telefonieunternehmen. Die beiden waren vorher schon durch ihre Aktivitäten bei KaZaA aufgefallen, eine damals rechtlich sehr umstrittene Musiktauschbörse. 2005 wurde das Telefonieunternehmen für 1,9 Milliarden Dollar von ebay übernommen. Der Name: Skype.

Wenn wir uns die drei Beispiele betrachten, passen sie nicht wirklich in die gängigen Paradigmen von Innovationsförderung. Also was braucht denn Innovation?

Es lässt sich mit Bestimmtheit sagen, dass Krisen die Innovation befördern. So gab es in den USA als Antwort auf die Große Depression in den 30ern den von Franklin D. Roosevelt initiierten „New Deal“ – eine Verdreifachung der Forschungsbudgets. Man vermutet, dass hier die Grundlage für die spätere Technologieführerschaft der USA gelegt wurde.

Morton Lund, Entrepreneur und einer der Frühinvestoren bei Skype, vielgebuchter und unkonventioneller Redner bei Web 2.0- und Venture-Capital-Veranstaltungen schreibt in seinem Fazebookprofil über sich: „Ich lebe Opportunismus, ich handle einfach, ich versuche, … ich hoffe, dass ich einen Unterschied mache und ich habe Spaß dabei.“

Man sagt, dass wirkliche Entrepreneure „Rule-Breaker“, also Regelbrecher sind. Warum das? Eine Innovation ersetzt immer etwas Bestehendes oder hat zumindest gravierenden Einfluss auf das Bestehende. Das Rad verdrängt den Schlitten. Das Automobil verdrängt die Kutsche. Der Elektromotor verdrängt vielleicht den Verbrennungsmotor. Das ist ein Grund, warum man mit einer Produktinnovation nicht zu jemanden gehen sollte der dort schon im Geschäft ist. Als erstes gefährdet die Innovation nämlich sein althergebrachtes Geschäftsmodell.

Und darin liegt eine grundlegende Problematik von allen Innovationsförderprogrammen, sie bauen immer auf den Erfahrungen der Vergangenheit auf. Eine wirkliche Innovation bricht aber mit den Paradigmen der Vergangenheit. Oder in anderen Worten: Bei Innovationsförderung wird Innovation nach den Kriterien beurteilt, die in der Vergangenheit für Innovation galten. Und damit bewahren wir schon wieder das Bestehende, wir verhindern Innovation.

Basis von Innovation ist Kreativität. Doch wie werden Menschen kreativ? Dadurch, dass sie gesagt bekommen: „Sei doch mal kreativ!“? Wenn es einen garantierten Weg geben würde, Menschen kreativ zu machen, große Unternehmen würden Millionenbeträge zahlen.

In der Kunst sagt man, der Künstler wird von der Muse geküsst. Aber wie wird man von der Muse geküsst? Wie werde ich für Musen attraktiv? Was sind Orte wo sich Musen gerne aufhalten? Leider ist in Deutschland die Musenforschung nicht besonders weit entwickelt, aber Wikipedia hilft weiter:

„Der Begriff Muse geht auf die Musen in der griechischen Mythologie zurück. In der antiken Mythologie sind die Musen Quellnymphen – neun Schwestern, die vom griechischen Vatergott Zeus mit der Quellgöttin Mnemosyne (Göttin der Erinnerung) gezeugt wurden. Die Musen gesellen sich um Apoll, den Gott der schönen Künste, der sie dirigiert und mit ihnen auf dem griechischen Berg Helikon (lateinisch: Parnass) dem Zeus huldigt.”

Und weiter:

„In der Neuzeit begann man, auch Personen aus Fleisch und Blut als Musen zu bezeichnen – meist Freundinnen von Künstlern, vereinzelt auch Männer. Sie inspirieren die Künstler durch ihren Charakter, ihre Ausstrahlung, ihre menschliche Zuwendung, durch eine erotische Beziehung, meist durch eine Kombination all dieser Faktoren.Einige dieser als Musen wirkenden Frauen, die häufig auch selbst Ruhm als angesehene Künstlerinnen erlangten, sind in die Geschichte eingegangen …“

Kreativität scheint also etwas zu sein was ZWISCHEN Menschen entsteht. Dann braucht es keine Assessment Center, um Entrepreneuere zu finden, denn die fokussieren auf vermutete „persönliche Eigenschaften“ und so gibt es auch kein Entrepreneur-Gen.

Der Erfolg des klassischen Innovators und Entdeckers, Christopher Columbus, basiert auf Fehlern. Hatte er doch bei seiner Entdeckung von Amerika fest vor, nach Westen segelnd, das asiatische Festland zu entdecken. Vielleicht wäre er nie aufgebrochen, hätte er nicht „gewusst“, dass nur ein Siebtel der Erde mit Wasser bedeckt ist und die Distanz zwischen dem europäischen Festland und dem östlichen Ende Asiens gering ist. Er verfügte über fehlerhaftes Kartenmaterial – über einen fehlerhaften Businessplan. Die Geschichte von Christopher Columbus erinnert daran, dass Erfolg und Scheitern sehr nahe beieinander liegen und das wir nicht gut daran tun, „gescheiterte“ (dieser Begriff kommt wirklich aus der Seefahrerei) Gründer als „Looser“ auszugrenzen. Innovation ist kein linearer Prozess.

Noch ein Hinweis. Berlin ist unwidersprochen in den letzen Jahren eine der Kulturhauptstädte der Welt geworden. Wie kam das? Im zweiten Berliner Kulturwirtschaftsbericht gibt es eine Antwort: Berlin hat den Künstlern „Raum gegeben“. Vielleicht den Raum, wo sich Musen gerne aufhalten.

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