Literatur für Entrepreneure: Claude E. Shannon

b.monitor am 19.Dezember 2009 | abgelegt unter slider

shannon_cover_ssEr hat zu seiner Lebenszeit bereits seine eigene Beerdigungsprozession entworfen: Sein Sarg wird gehalten von sechs Einradfahrern.

Claude E. Shannon (1916-2001) war Mathematiker, er arbeitete die längste Zeit seines Lebens in New Jersey für die Entwicklerlabors der amerikanischen Telephongesellschaft AT&T; den Bell Labs. Seine theoretische Arbeiten sind die Grundfundamente der medialen Welt: Digitale Medien, MP3, das Internet wären in der heutigen Form undenkbar – ohne ihn.

Die Bell Labs beschäftigten sich in erster Linie mit Telephonie und anderen Technologien für Nachrichtenübertragung.  Der wichtigste Auftraggeber in seiner Beschäftigungszeit war aber die US-Army. Das ist ein Grund, warum man bisher wenig von ihm gehört hat, viele seiner Arbeiten waren schlichtweg unter Verschluss – selbst seine Frau wusste nicht, womit er sich beschäftigte.

Der Buchautor Axel Roch hat die Archive eingesehen und dabei viele interessante Details zu Shannons Leben und seiner Arbeit ans Tageslicht befördert.

Während des 2. Weltkrieges beschäftige sich Shannon vorwiegend mit zwei Themenbereichen: Nachrichten stör- und abhörsicher über die verschiedensten Medien, d. h. Telefonleitungen, Funk, Radar zu übertragen  und effektive Steuerungen für Flugzeug- und Raketenabwehrsysteme zu entwickeln. Die konventionelle Luftabwehr der Alliierten drohte wirkungslos zu werden, man brauchte in Echtzeit nachsteuerbare, radargestützte Systeme, die auch schnell fliegende Flugzeuge und die von den Deutschen entwickelten Raketen abfangen konnten. Der Autor des Buches Axel Roch sagt in einem Interview auf  Telepolis deutlich: “Die Informationstheorie ist historisch, dass habe ich ausführlich gezeigt, die amerikanische Antwort auf die V-Waffen der Deutschen”.

Nach dem Krieg stellten sich die Bell Labs auf zivile Entwicklungen um. Aus abhörsicherer Telefonie wurde der PCM (Puls Code Modulation) Standard extrahiert -  das grundlegende Verfahren, mit dem heute digitales Audio kodiert wird (Audio CD). Auch die theoretischen Grundlagen für die Kompression von Daten (wie z.B. MP3) finden sich in seinen Arbeiten.

Shannon wurde von seinen Kollegen als Genie bezeichnet. Er hatte die Fähigkeit, in völlig anderen Kategorien als seine Mitmenschen zu denken, solide konstruierte  Theoriegebäude aufzubauen und seine Arbeit aber dann doch in die Wirklichkeit seiner Kollegen zu referenzieren.

Shannon fuhr auf den Gängen des Bell Labs mit einem selbstkonstruierten Einrad herum. Er baute viele Spielmaschinen und wahrscheinlich auch den ersten Spielcomputer (viele seiner Werke sind z.Zt. im Nixdorf-Museum in Paderborn ausgestellt). Das zeigt auf, dass er eben nicht nur ein reiner Theoretiker war, sondern die praktische Relevanz seiner Ideen überprüfte.  Ein Lebenziel von ihm war, einen Roboter zu bauen der jonglierend Einrad fährt. Einen einradfahrenden Roboter gibt es erst seid 2008  – jonglieren kann der immer noch nicht –  die Steuerung ist  zu komplex.

Seine Vita zeigt, für gelebte Kreativität ist es wichtig,  die Berechtigung des Spiels anzuerkennen.

Ich kenne ein Berliner Startup, wo fast alle Programmierer jonglieren. Die sind sehr erfolgreich. Vielleicht sollten sie zusätzlich noch Einradfahren lernen.

Ein inspirierendes Buch.

(Anmerkungen aus systemtheoretischer und medientheoretischer Sicht: PCM (Pulse Code Modulation) diente vor allem dazu, Medium und Nachricht zu trennen. PCM ermöglichte sichere Übertragung über Kommunikationskanäle mit verschiedenen Eigenschaften. Das bedeutete zumindest auf technischer Sicht:  The medium is not anymore the message! Auch die Arbeiten Norbert Wieners, des Begründers der Kybernetik, sind nach der Dokumentation in dem Buch in diesem Zusammenhang zu sehen – er war im gleichen Umfeld auch für die Bell-Labs tätig und in die gleichen Themen involviert. Der Beobachter in der kybernetischen Theorie war in der Praxis die Radarstation, die die Position des abzuschiessenden Flugkörpers feststellte. Norbert Wiener war fester Teilnehmer der Macy-Konferenzen, Claude Shannon gelegentlicher Teilnehmer. Shannon hat mit seiner Arbeit Lücken in Wieners Theorien gefüllt.  Shannon denkt Kommunikation und Information in Feedbackschleifen, in rückgekoppelten Systemen. Das ist aktuell eine höchstinteressante Sichtweise, da sie Plattformen wie “Twitter” sehr gut beschreiben kann.)

Axel Roch: Claude E. Shannon

Spielzeug, Leben und die geheime Geschichte seiner Theorie der Information

gegenstalt.com

ISBN 978-3-9813156-0-8

Bestelllink

Ein Interview mit dem Autor des Buches gibt es hier: Telepolis

Shannons Aufsatz: “A Mathematical Theory of Communication”

Die Ausstellungspage des Heinz Nixdorf Museums

(Ergänzung 3.3.10: Die Shannon- Austellung kommt am 6.5.2010 nach Berlin in das Kommmunikationsmuseum)

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1 Kommentar

[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Bernd Monitor, systemtheorie erwähnt. systemtheorie sagte: (RT @bmonitor) Der Beobachter war in Norbert Wieners Kypernetik ursprünglich die Radar-Bodenstation: http://bit.ly/5YbCnf #systemtheorie [...]

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