Lehrstück: FTD-Gründerwettbewerb verpflichtet zur Transparenz
Unzählige Gründerwettbewerbe buhlen in Deutschland um Aufmerksamkeit und Teilnehmer. Doch der von der Financial Times Deutschland (FTD) ins Leben gerufene enable2start zeichnet sich durch eine Besonderheit aus: Die ausgewählten fünf Sieger-Startups erhalten nicht nur jeweils 50.000 Euro, sondern ein Jahr lang regelmäßig Öffentlichkeit: Jeder Woche wird über aktuelle Ereignisse informiert, alle drei Monate die wirtschaftlichen Eckdaten der Unternehmen in einer Beilage zur FTD und auf der Internetseite www.enable2start.de veröffentlicht. „Diese Daten müssen wir nachprüfen können und dazu dürfen wir laut Vertrag sogar Einblick in die Geschäftskonten nehmen“, sagt Claus Hornung, Redakteur des Mittelstandsteams der FTD und Hauptverantwortlicher für enable2start. Nur heikle Angaben, die im Zweifelsfall geschäftsschädigend wirken könnten, stimmt die Redaktion mit den Gründern vor Veröffentlichung ab.
Das könnte beispielsweise der Name eines Geschäftspartners sein, der Ort einer Zweigstelle oder der Preis einer Fremdleistung, die man zum Freundschaftspreis erhalten hat. Wenn es allerdings mal Probleme gibt, die Aufträge ausbleiben oder das Geld knapp wird, wird das nicht kaschiert. „Wir machen diese Reihe nicht aus Schadenfreude, sondern weil wir so nah wie möglich bei der Gründung dabei sein und so authentisch wie möglich darüber wollen“, erklärt Hornung, „und dafür brauchen wir konkrete Zahlen! Nur zu schreiben ‚Es lief gut’ oder ‚nicht so gut’ ist für den Leser überhaupt nicht interessant. Der will wissen, ob das Startup den Auftrag über fünf Millionen Euro bekommen hat oder nur den über 50.000 Euro.“ Nicht jeder Gründer und schon gar nicht jeder Risikokapitalgeber ist bereit, so umfassend über die geschäftliche Entwicklung seines Startups zu informieren. Wie offen ein Unternehmen sein kann, hänge von der grundsätzlichen Unternehmensphilosophie ab, meint Julika Bleil: „Wenn ich offen kommuniziere, dann muss ich damit leben, dass ich kritisiert werde. Ich bin angreifbarer, aber das Feedback kann mir auch helfen, mich zu verbessern.“ Bleil und zusammen mit Philipp Spethmann das Startup „Allyve“ gegründet, das 2009 zu den Gewinnern bei enable2start gehörte. Allyve (man spricht es englisch wie alive für lebendig aus) stellt Internetnutzern eine individuelle Startseite zur Verfügung. Gründerin Bleil hat aber auch Verständnis, wenn jemand nicht so auskunftsfreudig ist wie sie selbst, denn die viele Aufmerksamkeit wirke wie ein sich selbst verstärkender Effekt: „Wenn es ohnehin gut läuft, strahlt das positiv weiter, wenn es schlecht läuft, dann kriegen es leider auch viele mit.“ Als Internetstartup muss Allyve grundsätzlich mehr kommunizieren als Unternehmen in anderen Branchen, um von seiner Kundschaft angenommen zu werden.
Schließlich ist das weltweite Netz nicht mehr so leer und jungfräulich wie noch vor einigen Jahren, als jeder neuen Idee eine riesige Aufmerksamkeit sicher war. So unterhält Allyve auch einen eigenen Blog und Profile bei Facebook und Twitter. Schlechte Erfahrungen mit der intensiven Berichterstattung in der Financial Times haben Bleil und Spethmann zu keiner Zeit gemacht. „Dass jede Woche viele Menschen von uns gelesen haben, sorgte für Renommee gegenüber bestehenden Partnern und half uns, neue Geschäftskontakte zu knüpfen“, sagt Spethmann. Einen weiteren Vorteil sieht er in der Selbstreflexion: „Einmal die Woche mussten wir uns Zeit nehmen und überlegen, was sich in den vergangen sieben Tagen alles ereignet hat und das in Worte fassen.“ Für Business Angel Bernd Monitor besteht der Mehrwert von enable2start genau darin, dass andere Gründer detailliert verfolgen können, wie sich ein Startup entwickelt. „Da sieht man etwas, das aus meiner Sicht typisch ist für Neugründungen: Gleich nachdem der Business Plan fertig geschrieben ist, kann man sich von ihm verabschieden, weil sich inzwischen die Realitäten komplett gewandelt haben.“ Denn ständig ändere sich das wirtschaftliche Umfeld, kämen neue Konkurrenzprodukte auf den Markt während andere verschwänden. Viele Startups machen nach Monitors Meinung denselben Fehler, zu lange an der Jetztsituation festzuhalten anstatt sich mit dem Markt zu entwickeln. „Etwa zwei Drittel der Projekte, die ich bisher begleitet habe, mussten ihr Geschäftsmodell grundlegend verändern. Dass einmal eine Idee eins zu eins umgesetzt wird, ist eher die Ausnahme, quasi ein Glücksfall.“ Bei den Gewinnern von enable2start sieht die Bilanz nach Ablauf des Projektjahres so aus: Drei Unternehmen haben sich gut im geplanten Geschäftsfeld entwickelt, eins fusionierte mit einem Mitbewerber und eins hat seine ursprüngliche Idee vollständig aufgegeben. Die Gewinner für 2010 werden zurzeit ermittelt.
Oliver Numrich


